Vom Marathonpodest zum Stadtlaufsieg
Im Frühjahr 2024 hast du mit gezieltem Leistungstraining begonnen und standest nur wenige Monate später bereits auf dem Podest beim Swiss City Marathon Luzern. Was war der ausschlaggebende Moment, in dem für dich klar wurde: Jetzt will ich es ernsthaft angehen – und wie erklärst du dir diese rasche Entwicklung?
Der Sieg beim Swiss City Marathon Luzern war sicher ein wichtiger Meilenstein, trotzdem war ich mir danach lange nicht sicher, ob ich diesen Weg konsequent weiterverfolgen oder den Moment einfach geniessen und es dabei belassen sollte. Ich bin von Natur aus sehr ehrgeizig und ambitioniert und verfüge offenbar über gute genetische Voraussetzungen. Da ich noch ganz am Anfang stehe, sind Fortschritte momentan auch schneller sichtbar, das erklärt einen Teil dieser raschen Entwicklung.
Ronja Hofstetter (links), Tagessiegerin des Basler Stadtlaufs, mit Shirley Lang vom LC Therwil in der Freien Strasse.
Zu Beginn hast du mit KI-Unterstützung trainiert, später mit einem menschlichen Coach gearbeitet. Was hat dir dieser ungewöhnliche Einstieg über Training, Intuition und Selbstvertrauen beigebracht – und welche Elemente aus beiden Welten begleiten dich heute noch?
Ich war nie jemand, der gerne strikt nach Anweisungen einer anderen Person trainiert. Deshalb war KI für mich zu Beginn der perfekte «Trainer». Man kann damit sehr flexibel arbeiten, sich fordern, aber auch überfordern, denn KI ist meist auf deiner Seite.
Diese Phase hat mir gezeigt, dass ich meinen Körper sehr gut kenne, ihn gezielt fordern kann und gleichzeitig intelligent genug bin, ihn nicht zu überlasten. Das war enorm wertvoll für mein Selbstvertrauen. Bis heute arbeite ich stark über Körpergefühl und versuche, mit meinem Körper zu trainieren, statt stur einer klassischen Trainingslehre zu folgen.
Als klassische Marathonläuferin hast du dich dennoch bewusst für den Basler Stadtlauf über 5,5 Kilometer entschieden. Was hat dich an diesem Format gereizt, wie hast du die Stimmung entlang der Strecke erlebt, und was hat dir am Anlass besonders gefallen?
Seit letztem Jahr würde ich mich eher als Langstreckenläuferin bezeichnen. Für meine langfristigen Ziele bin ich aktuell bewusst auf kürzeren Distanzen zwischen 10 und 21 Kilometern unterwegs.
Die 5,5 Kilometer nutze ich gezielt als intensives Tempotraining, bei dem ich bewusst in den Laktatbereich gehe. Das gelingt an einem traditionsreichen und stimmungsvollen Anlass viel einfacher als alleine im Training. Die Atmosphäre, besonders durch die dunklen und beleuchteten Gassen, finde ich jedes Mal beeindruckend.
Im Rennverlauf warst du eine Zeit lang gemeinsam mit Shirley Lang vom LC Therwil unterwegs. Wie bist du taktisch in dieses Rennen gegangen – und was hat dir dieser Stadtlauf gezeigt, was du aus einem Marathon mental oder emotional nicht mitnimmst?
Meine Renntaktik ist grundsätzlich klar: All-in. Wer es nicht versucht, kann auch nicht gewinnen. Ich habe versucht, mein eigenes Rennen zu laufen und konsequent an meine Grenzen zu gehen.
Dass ich Shirley im Nacken gespürt habe, habe ich als zusätzlichen Ansporn genutzt, nicht nachzulassen. Ein Stadtlauf unterscheidet sich mental stark vom Marathon: Die Stimmung ist viel lauter, man ist kaum je alleine unterwegs das gibt unglaublich viel Energie und macht grossen Spass.
Neben dem Sport absolvierst du ein Studium und arbeitest Teilzeit. Wie gelingt dieser Spagat im Alltag, und was motiviert dich, diesen Weg konsequent weiterzugehen?
Es ist definitiv nicht immer einfach, alles unter einen Hut zu bringen. Gleichzeitig erfahre ich von allen Seiten grosse Unterstützung, was diesen Spagat überhaupt erst möglich macht.
Die Freude am Laufen, mein echtes Interesse am Studium und das gute Umfeld bei der Arbeit motivieren mich täglich, diesen Weg konsequent weiterzugehen.
Welche Fixpunkte oder Ziele ausserhalb des Leistungssports helfen dir, auch als Athletin die Balance zu bewahren?
Die zusätzlichen Belastungen durch Studium und Arbeit zeigen mir, dass es im Leben noch mehr gibt als Training. Das hilft enorm, um die Balance zu behalten. Wenn ein Training einmal nicht optimal läuft, kann man das schneller relativieren und hinter sich lassen.
Der Traum von den Olympischen Spielen ist ein grosses Ziel, das du offen ansprichst. Wie entwickelt sich dieser Traum mit jedem Rennen – und wo siehst du aktuell den entscheidenden Schritt in diese Richtung?
Ich sehe jedes Rennen als einzelnes Puzzleteil auf diesem Weg. Natürlich hoffe ich auf gute Resultate und schnelle Zeiten, aber genauso wichtig sind die Erfahrungen und Learnings für kommende Rennen.
Aktuell liegt ein entscheidender Schritt darin, mich auf kürzere Distanzen wie 10 Kilometer und Halbmarathon zu fokussieren, um dort schneller zu werden und diese Pace später auf die Marathon-Distanz mitzunehmen.
Zum Abschluss: Welchen Rat würdest du jungen Läuferinnen mit auf den Weg geben, die gerade erst beginnen – vielleicht mit dem Ziel, eines Tages ein Rennen wie den Stadtlauf zu gewinnen? Und was möchtest du Erstteilnehmenden des Basler Stadtlaufs sowie ambitionierten Hobbyläufer:innen aus Basel aus deiner Erfahrung mit diesem Rennen mitgeben?
Dream big – work hard. Um Grosses zu erreichen, muss man auch gross träumen können. Ein klares Ziel gibt Motivation, besonders an Tagen, an denen die Freude am Laufen nicht sofort spürbar ist. Gleichzeitig bleibt die Freude am Laufen das Wichtigste – ohne Leidenschaft wird der Aufwand schnell zur Belastung.
Erstteilnehmenden des Basler Stadtlaufs würde ich raten, mit viel Freude und Offenheit zu laufen und die einmalige Stimmung zu geniessen. Und ambitionierten Läufer:innen vielleicht etwas provokant: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Also lieber All-in gehen, im besten Fall resultiert eine starke Zeit, im schlechtesten Fall eine wertvolle Erfahrung.
Vielen Dank an Ronja Hofstetter für das Gespräch.